15.12.2011

Neue Chancen für das Bürgerrecht Kultur

Wir sind Zeugen und Akteure eines tief greifenden kulturellen Wandels, einer digitalen Revolution, die große Ängste und große Hoffnungen auslöst. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens sind davon betroffen, insbesondere die Kommunikations- und Wissenskultur. Die zunehmend mobile digitale Kommunikation und ihre Infrastruktur revolutionieren die gesellschaftlichen Beziehungen und stellen überkommene kulturelle Traditionen, alltägliche Routinen und ökonomische Geschäftsmodelle ebenso in Frage wie gesellschaftliche Ordnungs- und Rechtsvorstellungen.

Grundlegende Begriffe wie Freiheit, Eigentum, Privatheit und Öffentlichkeit, in denen die kulturellen Wertvorstellungen der modernen Zivilisation kodiert sind, stehen auf dem Prüfstand. Inhalt, Rhetorik und Vehemenz der Auseinandersetzung tragen darum Züge eines Kulturkampfes. Während die Optimisten mit den neuen Optionen der Digitalisierung einen Zugewinn an Freiheit und politischer Beteiligung verbinden, warnen die Skeptiker vor dem »gläsernen Menschen« und »digitaler Überforderung«. Die einen preisen Kooperation, Kollaboration, Crowdsourcing und Enthierarchisierung als neue Prinzipien einer kommenden Partizipations- und Wissensgesellschaft, während die Gegner über die »Weisheit der Massen«, deren »Schwarm-Intelligenz« und den damit verbundenen »Amateurkult« die Nase rümpfen und auf Professionalität, Expertenwissen und Redaktionsverantwortung durch Einzelne bestehen. Während die einen die individuelle Urheberschaft und das geistige Eigentum in Frage stellen, sprechen die anderen schlicht von Diebstahl, wenn Audio- und Videodateien über Tauschbörsen gehandelt werden. Kulturpolitik und Kulturinstitute sind von dieser Entwicklung betroffen. Die Digitalisierung schafft neue Produktionsbedingungen im »Betriebssystem Kunst« und ermöglicht neue Formen der Vermittlung kultureller Werke und ihrer medialen Rezeption. Zugleich mehren sich die Möglichkeiten exponentiell, Wissen zu erzeugen, zu vermitteln, zu speichern und sich Zugang zu den Wissensspeichern der Welt zu öffnen. Künstlerische Werke und historische Artefakte sind im Zeitalter ihrer digitalen »Reproduzierbarkeit« oder Abbildungsmöglichkeit an jedem Ort und zu jeder Zeit beliebig oft zu sehen. Die Vermittlung und Bewahrung des kulturellen Erbes in Bibliotheken, Museen und Archiven stehen dadurch vor neuen Herausforderungen und Optionen.

Das Internet und die sozialen Netzwerke eröffnen die Option auf eine bisher nicht gekannte egalitäre Kommunikation und Partizipation. Vieles spricht dafür, dass wir an der Schwelle zu einer neuen digitalen Teilhabekultur stehen, die der Amateurkultur neue Perspektiven eröffnet und die Grenzen zwischen U- und EKultur endgültig überwinden kann. Die Digitalisierung und der damit verbundene programmatische Egalitarismus stellen die der überkommenen Kulturpolitik innewohnende Hierarchisierungslogik in Frage, die auf der Wertdifferenz von Laien und Profis, Alltags- und Expertenwissen, Hoch- und Breitenkultur beruht.

Kulturpolitik und Kulturinstitute müssen die Entwicklungen hin zu einer neuen digitalen Gesellschaft analysieren, »Verlust« und »Gewinn« bilanzieren, soweit dies möglich ist, und die Plausibilität überkommener Strukturen prüfen. Auch in digitalen Zeiten sind dabei Ideen und Konzepte gefragt, die die Möglichkeiten für eine inklusive, die Teilhabe aller fördernde Kulturpolitik in den Mittelpunkt stellen. Das Bürgerrecht Kultur wird auf diese Weise neu begründet. Dazu neun Vorschläge zur Diskussion:

Programm- und Wertedebatte initiieren

Die digitale Revolution verändert alle gesellschaftlichen Bereiche – künstlerische und kreative Praxis, kulturelle Teilhabe und Kommunikation. Grundlegende Werte wie Öffentlichkeit und Privatheit, Urheberschaft und Eigentum, Original und Kopie, Aura und Authentizität, Individuum und Kollektiv, Autonomie und Kontext werden in gewisser Weise ent-wertet oder neu be-wertet. Damit gerät die programmatische Statik der Kulturpolitik ins Wanken. In einer zunehmend durch Multitasking und Informationsüberflutung geprägten Welt brauchen wir Orte, die das Nachdenken über unsere Zukunft ohne tagesaktuellen Druck ermöglichen, die in die Tiefe und nicht nur nach vorne gehen, die auch Muße zulassen. Kultureinrichtungen können solche Orte werden. Sie können eine besondere Qualität der (ästhetischen)Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Kritikfähigkeit befördern, die wir gerade jetzt benötigen. Kulturpolitik muss hier die Initiative ergreifen. Neben der Vermittlung von Kunst, Kulturellem undUnterhaltung muss der Information und dem Diskurs Raum gegeben werden. So kann sich Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik neu auszeichnen.

Qualitätsstandards kultureller Öffentlichkeit schützen

Theater, Museen, Bibliotheken, Soziokulturelle Zentren und andere Kultureinrichtungen werden als wichtige Orte kultureller Öffentlichkeit öffentlich gefördert. Durch die neuen interaktiven Medien und das Internet verändert sich ihre Funktion und Relevanz. Die über Jahrhunderte eingespielten Rollen- und Funktionsteilungen von Rezipienten, Besuchern und Lesern einerseits, Redakteuren, Fachleuten und hauptamtlichen Akteuren andererseits werden durch die Beteiligungs- und aktiven Mitgestaltungsmöglichkeiten des world wide web relativiert. Es entsteht ein »kollektives Expertentum«, aber gleichzeitig auch die Gefahr des Verlustes an professioneller Expertise. Aus Rezipientenwerden Teilhabende, die aktiv an der Meinungs- und Wissensbildung mitwirken, aus Konsumenten tendenziell Prosumenten. Zwar annonciert das Netz Offenheit und Diskursivität, doch die Selbstbezüglichkeit und Selbstreferenzialität kleiner Kreise bleibt. Zugleich nimmt auch der verdeckte professionelle Lobbyismus im Netz zu. Angesichts dieser Entwicklung ist es eine zentrale Aufgabe der Kulturpolitik, die Qualitätsstandards der traditionellen kulturellen Öffentlichkeit weiter zu entwickeln,ohne die neuen Optionen der Netzöffentlichkeit außer Acht zu lassen.

Kulturnutzer zu Koproduzenten machen

Mit den internetbasierten Medien verändern sich die Erwartungen gegenüber der öffentlichen Kommunikation und Meinungsbildung; auch die Teilhabeansprüche ändern sich. Den tendenziell exklusiven, hierarchisch organisierten und überwiegend auf passiven Konsum ausgerichteten Vermittlungsformen des traditionellen Kulturbetriebs stehen neue Partizipationswünsche und -gewohnheiten gegenüber. Das Publikum, seine Ansprüche und sein Know-how gewinnen im Kulturbetrieb an Bedeutung. Die Nachfrage nach mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und nach aktiven kulturellen Betätigungen dürfte wachsen. Es gilt, »die Nutzer als Partner und Teil-Souveräne noch ernster zu nehmen, sie anzunehmen und zu fordern.« Eine mögliche kulturpolitische Konsequenz ist ein Perspektivenwechsel: von der Angebots- hin zur Nachfrageorientierung, von der Push- zur Pull-Kultur.

Kulturelle (Medien-)Bildung intensivieren

Kinder und Jugendliche wachsen zunehmend wie selbstverständlich in der digitalen Gesellschaft auf. Ihre kulturellen Präferenzen und Gewohnheiten sind davon geprägt. Sie erobern das Internet als eigenen Kulturraum mit neuen Möglichkeiten der (niedrigschwelligen) Partizipation und Selbstbetätigung. Der Bildschirm wird zum kulturellen Medium schlechthin.

Die Vermittlung der digitalen Techniken ist heute selbstverständlicher Teil von Medienkompetenz. Daneben bedarf es weiterhin öffentlicher Kommunikationsorte und Angebote im realen Leben. Die Wahrnehmung und Erfahrung der leiblich-materiellen Welt darf nicht vergessen werden. Kulturarbeit wird Strategien zur Vermittlung von digitaler wie von analoger Welterfahrung entwickeln müssen. Die sinnlich-materiellen und medial-digitalen Gestaltungsmöglichkeiten der anlogen und der digitalen Welten müssen in Beziehung gesetzt werden. Dabei kann auch die »Reinstitutionalisierung lebensweltlicher Kommunikationsorte« als Gegengewicht zur digitalen Welt sinnvoll sein.

Kulturmarketing digital qualifizieren

Die öffentlich geförderte Kunst und Kultur in Theatern, Soziokulturellen Zentren, Konzerthäusern, Museen oder Bibliotheken braucht Publikum, um ihre (gesellschaftliche) Funktion wirksam erfüllen zu können. Deshalb und wegen der Fülle an Angeboten sind Marketing oder das Erregen von Aufmerksamkeit zunehmend wichtig. Die digitalen Medien erweitern die Möglichkeiten, neue Nutzergruppen zu gewinnen und dauerhaft an die jeweilige Kultureinrichtung zu binden. Digital präsent sind allerdings vor allem große und ressourcenstarke Einrichtungen. Vielen anderen Instituten mangelt es häufig an Geld wie an Kompetenz und häufig auch an Einsicht in die Notwendigkeit dieser Maßnahmen. Notwendig sind deshalb nicht nur finanzielle Hilfen, sondern auch Qualifizierungsprogramme, um unterstützende digitale Instrumente auf breiter Basis einführen zu können.

Urheberrecht reformieren

Das Urheberrecht und der Schutz der Urheber sind zentrale Aufgaben der Kulturpolitik. Dabei ist das geltende Recht zwar anerkannt, aber in vielen seiner aktuellen Ausformungen heftig umstritten. Es scheint mit der Geschwindigkeit der technischen Entwicklung und den damit verbundenen kreativ/künstlerischen, sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen nicht Schritt halten zu können. Zugleich wird immer mehr bestritten, ob das Urheberrecht tatsächlich als Sicherung der Lebensgrundlage von Kreativen taugt. Generell stellt sich die Frage, ob die notwendige Reform des Urheberrechts auch neue Kriterien wie die Orientierung am Gemeinwohl (Allmende) oder die Förderung der Kreativität von vielen berücksichtigen muss. Orientierungspunkt wäre dann die rechtliche Ausgestaltung einer »digitalen Gebrauchskultur«, die sich nicht mehr an den bisherigen Rechten der Verwerter orientiert. Die allgemeine Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen wird dabei höher bewertet als die Einschränkungen zugunsten eines einzelnen Verwerters. Denn die Grenzen zwischen Kreativen/Künstlern und ihren Publika sind fließend geworden – der frühere Konsument wird potenziell zum Prosumenten, der das einzelne Werk – ganz im Geiste der analogen Collage oder des analogen Patchworks – für das eigene Schaffen verwendet und »seine«Werke dann auch – meist über das Netz – verbreitet.

Kulturelles Erbe digital sichern und vermitteln

Die Erforschung, Aufbereitung, Bewahrung und Vermittlung des kulturellen Erbes gehört zu den zentralen Aufgaben öffentlicher Kulturpolitik. In erster Linie nehmen Museen, Bibliotheken, Archive und Dokumentationsstellen diese Aufgabe wahr. In der Summe bilden sie ein System von Wissensspeichern mit einer unüberschaubaren Fülle an Dokumenten und Artefakten. Es ist möglich, die Sammlungsbestände besser zu erschließen und den Zugang für Wissenschaft und Bürger zu erleichtern. Allerdings: Viele kleine und mittlere Einrichtungen sind weder finanziell noch personell in der Lage, die Digitalisierung ihrer Bestände vorzunehmen und eContent zu generieren. Oft ist noch nicht einmal eine »analoge« Inventarisierung vorhanden. Ungeklärt sind Fragen des freien Zugriffs (Open Access) und das technische Problem der Konservierung und Langzeitverfügbarkeit der Digitalisate. Auch die Kooperation mit international agierenden Konzernen (Google) bei der Digitalisierung der Bestände ist nicht unumstritten. Hinzu kommen grundsätzliche Fragen. So ist offen, welche Stellung das»Original« in Zukunft tatsächlich einnehmen wird.

Digitale Kulturfinanzierung stärken

Das Internet eröffnet neue Möglichkeiten der projektbezogenenKunst- undKulturfinanzierung. Crowdfunding etwa ist ein Finanzierungsmodell, das nach der Logik der Mikrofinanzierung oder des Social Payment entwickelt wurde und auf der Unterstützung von Ideen und Projekten durch Klein- und Kleinstbeträge vieler Unterstützer basiert. Damit verbessern sich die Chancen für Kreative und künstlerische Projekte, private Mittel über traditionelle Spenden, mäzenatische Zuwendungen und Sponsoringbeiträge hinaus einwerben zu können. Die bisherige private Kulturförderung, die vor allem Wohlhabenden und Unternehmen möglich war, wird dadurch auf eine sehr viel größere Gruppe von Kulturinteressierten ausgedehnt. Selbstverständlich kann Crowdfunding die öffentliche Kulturfinanzierung dabei nur ergänzen.

Kulturelle Interessenpolitik demokratisieren

Der kulturpolitische Diskurs kann mit digitalen Mitteln offener und vielfältiger werden. Die Hermetik und Selbstreferenzialität von Verbandsdebatten sollten aufgebrochen und Mitglieder wie interessierte Außenstehende sollten stärker am Diskurs beteiligt werden. Verbände müssen verstärkt darauf achten, dass sie von außen nicht als Elitenkartelle und Verlautbarungsagenturen von Positionsinhabern und Interessenvertretern mit programmatischer Deutungshoheit wahrgenommen werden. In der digitalen Welt, in der von der »Weisheit der Massen« und vom »Abbau von Bedeutungshierarchien « die Rede ist, wird Meinungsführerschaft skeptischer beurteilt, auch wenn sie sich mit dem Verweis auf Mitgliedschaften und Mandate begründet.

Schluss

Selten zuvor war die Neue Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik programmatisch und konzeptionell so herausgefordert wie gegenwärtig6 und zwar nicht nur wegen der Skepsis gegenüber einigen Folgen der Digitalisierung, sondern gerade auch wegen der Nähe zu ihr und zu zentralen Philosophien, die mit ihr verbunden sind. Alte Programmformeln wie »Kultur für alle« und »Kultur von allen« erleben eine Renaissance und zwar nicht nur, weil die damit verbundenen Teilhabeansprüche leichter umzusetzen sind, sondern auch deshalb, weil sie sich auf einen ähnlichen Freiheits-, Pluralitäts- und Demokratiediskurs beziehen, auch wenn sie ihn radikaler interpretieren. Einiges spricht dafür, dass eine neue Phase der Demokratisierung der Kultur(politik) bevorsteht, die in den 1970er Jahren mit der Erweiterung des Kulturbegriffs ihren Anfang nahm, in den 1980er Jahren mit dem Vielfaltsparadigma ihre Fortsetzung fand und im postmodernen Internetzeitalter weit über die ursprünglichen Ziele hinausgehen könnte.

Der vorstehende Text ist ein Auszug aus Norbert Sievers Beitrag „»netz.macht.kultur« – Kulturpolitik in der digitalen Gesellschaft. Anmerkungen zum 6. Kulturpolitischen Bundeskongress“ im Jahrbuch für Kulturpolitik 2011. Den vollständigen Text finden Sie hier als pdf

Das Jahrbuch für Kulturpolitik 2011 können Sie hier bestellen.


02.02.2011

Kulturpolitik in der digitalen Gesellschaft

Anmerkungen und Fragen aus der analogen Welt zum 6. Kulturpoli- tischen Bundeskongress 2011 »netz.macht.kultur« von Norbert Sievers weiterlesen[Internal]


 

02.02.2011

Über Zeitgenossenschaft

Die medialen Künste im Zeitalter ihrer postmedialen Kondition  weiterlesen[Internal]


 

 

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