19.05.2011

Slow Mind

von Dorota Maslowska

Als Mutter einer sechsjährigen Person komme ich seit längerer Zeit nicht umhin, mir die neuesten Errungenschaften der Film-Imperien von Disney und Pixar zu Gemüte zu führen. Als eine Person, die im Alter von sechs Jahren mit Kastanien spielte und Märchen von eiernden Schallplatten hörte, komme ich gewöhnlich mit zerstörter Frisur und unvergleichlich größerem Speichelverlust aus dem Kino als die sechsjährige Person, die von der bedrohlich zunehmenden Perfektion und Monumentalität dieser Bilder angetan ist, wenn sie ihnen auch mit einer gewissen Portion Kühle und Selbstverständlichkeit begegnet.

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Diese Filme, in 3D betrachtet, extrem beschallt, extrem bunt, visuell und akustisch zu höchster Intensität gesteigert, erreichen ein paradoxes Niveau von Realität – sie sind viel wirklicher als die Wirklichkeit selbst. Versteckt im großen Schatten, den die Technologieexpresse der Produzenten werfen, flimmert nur noch wie ein Vorwand die bruchstückhafte Handlung: Eine Figur ist gut, eine ist böse, eine der Trottel, den es immer unausweichlich dorthin zieht, wo gerade eine Bananenschale weggeworfen wurde. Dazu die symbolische Prise Moral, die das Werk durchgeistert wie das einsame Eiweißmolekül den großen Gummibären von Haribo: Du sollst die Tiere und die aussterbende Natur achten, Geldgier lohnt sich nicht, denn das allerwichtigste im Leben ist die Freundschaft. Um des lieben Friedens willen belässt man es bei dem Anschein eines Märchens. In Wahrheit hat es sich längst in eine Serie atemberaubender Bilder mit der Dynamik eines Rollercoasters verwandelt. Fehlt nur der Kunstwind, der das Haareraufen beim Gedanken an die bevorstehende Apokalypse der Kultur für mich besorgt.

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Denn wenn man davon ausgeht, dass der große Rüstungswettlauf der Animationsimperien, vor dessen Leinwände wir unsere Kinder setzen, die moderne Entsprechung des Märchenerzählens oder Vorlesens ist, dann dürfte Bruno Bettelheim (Kinder brauchen Märchen) sich im Grabe umdrehen. Das Märchen, das die finsteren Winkel der menschlichen Natur durchdringt, das Kind in die dunklen Ecken der Welt mitnimmt und es darin übt, das Licht des Guten in der Finsternis zu suchen, war ursprünglich eine Art Impfung, die den kleinen Menschen auf das Leben auf dem Planeten Erde vorbereitete. Dieses Leben weist außer vielfältigen Rosatönen auch eine große Zahl anderer, weniger schöner Farben auf. Die Märchenversion von heute, in der die Geschichte nur Vorwand zur Erzeugung betäubender Bilder ist, gleicht in ihrer hohlen Rasanz eher einer Karussellfahrt, in manchen Fällen auch dem Schleudergang einer Waschmaschine.

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Natürlich will ich hier mit meinen 27 Jahren nicht die Greisin spielen, die mit rheumatischem Finger fuchtelt, früher sei alles besser gewesen und von nun an sollten alle Kinder wieder mit Zweiglein, Blindgängern und Katzen spielen und abends Andersen lesen (und zwar selbst!), und, ganz wichtig, die malerische Beschreibung des Todeskampfes kleiner Mädchen, die Mordtaten und die Aufzucht von menschlichen Schädeln in Blumentöpfen. Meine Befürchtung geht tiefer: dass die Entwicklung der visuellen und kommunikativen Techniken gegen klassische Verstandestechniken wie die der Erzählung gerichtet ist. Bei der täglich wachsenden Verbreitung von Mitteln zur Fixierung der Wirklichkeit – des Fotoapparats, der Videokamera oder des Mobiltelefons – büßt die Wirklichkeit erschreckend rasch an Daseinsberechtigung ein. Wir verlassen uns darauf, dass Fotografien und Filme nicht nur den anderen, sondern sogar uns selbst von unserem Urlaub erzählen werden; unsere Fähigkeiten zu erinnern und Fakten zu ordnen treten wir sorglos an die Festplatten der Computer ab, ja mehr noch: Nonchalant entledigen wir uns der Lebenswirklichkeit und geben sie an die Geräte weiter. Die Mühen technischer Aufnahmen ersetzen immer mehr unsere sinnliche Wahrnehmung.

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Ich frage mich, wann ich aufgehört habe, Konzerte zu besuchen. Sie sollen ja eigentlich Versammlungen sein, spontane Gemeinschaften, deren Zweck das Anhören von Live-Musik ist. Ich spreche hier nicht von der ekstatischen geistigen Vereinigung und dem kollektiven Nirwana, dem gegenseitigen Kleiderzerreißen im allgemeinen Rausch, wie es schon die Generation der 60er Jahre pflegte, bevor sich herausstellte, welche Drogen schädlich sind. Ich spreche von dem ganz normalen Vergnügen, sich gemeinsam eine Musikaufführung anzuhören. Ich glaube, meine Fähigkeit dazu endete in dem Moment, als hinter Hunderten von gierig in die Höhe gereckten Mobiltelefonen die Musiker fast verschwanden, so als könnte man diesen Augenblick in Besitz nehmen und festhalten, indem man ihn mit dem Handy fixiert. Was für ein seltsames Missverhältnis zwischen der totalen Hingabe an den Akt des Aufnehmens und dem zwangsläufig damit verbundenen totalen Verlust an Energie für das Sein. So als wäre das Sein allein allzu gewöhnlich, unfruchtbar, zu wenig gewinnversprechend, geradezu verschwendet: aufnehmen, festhalten und aufbewahren muss man es, den Augenblick erwerben, und mir scheint, der grammatisch richtige Ausdruck dafür wäre wohl die Konstruktion ‚gewesen haben‘, wenn diese auch nur ein Fünkchen Logik besäße. Was das alles mit der Erzählung zu tun hat? Nun, von diesem Konzert, das neunzig Prozent der Besucher aufgenommen haben, wird niemand sprechen, niemand sich daran erinnern, niemand daran denken, denn jeder von ihnen wird es ‚haben‘. Indem wir unsere Erinnerung an die Festplatten der Computer und Telefone abtreten, indem wir zwanghaft jeden Augenblick fotografieren, als wollten wir ihn mit nach Hause nehmen und in einem ungewissen Später wieder hervorholen, machen wir uns nicht klar, wie ernsthaft wir dadurch unsere Fähigkeit zu sein, zu fühlen, zu denken und zu kommunizieren gefährden.

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Bislang kommen wir noch einigermaßen zurecht, schreiben wir doch ständig SMS oder Mails, aber auch sie sind Mutationen und Verkürzungen ausgesetzt, verwandeln sich in Chiffren. Immerzu verführt uns das „Gefällt mir“ auf Facebook zum Weiterklicken und verlangen unsere Konten, unser Login. Ständig führen wir Gespräche, aber sie bewegen sich immer weniger in erzählerischen Dimensionen, es geht immer mehr um den Austausch trockener Daten, wer, wo und wann. Unsere Organe haben die Neigung, bei mangelnder Benutzung zu schrumpfen. Schwer zu sagen, wie lange es dauern wird, bis die für die Erzeugung und Aufnahme von Erzählungen verantwortlichen Hirnzentren ganz und gar abgestorben sind. Deshalb sollten wir die Fähigkeit zur Erzählung als grundlegende Ausdrucksform des mentalen Slow Food oder besser Slow Mind, unter Schutz stellen und in die kulturelle Vorratskammer aufnehmen.

 

Der Beitrag von Dorota Maslowska erschien erstmals im Magazin der Kulturstiftung des Bundes. Im aktuellen Heft zum Thema „Vorratskammer“ schreiben neben Maslowska u.a. Harald Welzer, Ute Frevert, Margot Käßmann, Volker Mosbrugger, Michel Serres, Raoul Schrott und Jutta Brückner.

Dorota Maslowska, 1983 im polnischen Wejherowo geboren, schrieb ihren Debütroman Schneeweiß und Russenrot im Alter von 18 Jahren. Er wurde in Polen als literarische Sensation gefeiert und mit dem renommierten Polityka-Preis sowie dem Nike-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch Die Reiherkönigin. Ein Rap, übers. von Olaf Kühl. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007. Mas?owska hat in den letzten Jahren hauptsächlich Theaterstücke geschrieben. Ihr Stück Wir kommen gut klar mit uns wurde in der Schaubühne Berlin 2009 uraufgeführt.

Die Übersetzung aus dem Polnischen stammt von Olaf Kühl.


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