20.04.2011

Private Public Screening

Wenn der Film Exodos am 28. April in Berlin seine Weltpremiere feiert, ist das nur ein Teil der Geschichte. Er wird fast zeitgleich auch in Minsk, Oslo, Dayton/Ohio, Utrecht oder Olkusz/Polen zu sehen sein. Die Screenings finden nicht in Kinos statt, sondern im Wohnzimmer oder in einer Kneipe, auf dem PC, auf einem großen HD-Bildschirm oder via Beamer auf einer weißen Wand. Denn die „anarchistische Komödie“ ist ein creative-commons-Spielfilm, der nach Kontakt mit der Berlin-Neuköllner Independent-Produktion Retsina-Film überall als „Private-Public Screening“ (PPS) aufgeführt werden darf. Die Regeln dabei sind einfach: die Aufführungen müssen öffentlich sein und keinen Eintritt kosten, mindestens fünf Personen müssen teilnehmen und das Treffen muss von den Filmemachern lizensiert sein. Der Film kommt dann via Internet. Alles in allem ein charmanter Versuch, der Creative Commons-Veröffentlichung im Web etwas mehr Glanz und Feierlichkeit zu verleihen“, meint Produzentin Antje Borchardt. „Wir sind sehr daran interessiert, dass sich die Verhältnisse für die User klären und eine Sensibilität für den Unterschied von cc-Projekten und illegalen Downloads entsteht.“ PPS geht an den üblichen Vertriebswegen der Filmwirtschaft vorbei und ist eine Chance vor allem für kleine und unabhängige Filme, deren klassische Vermarktung nicht ohne Investitionen in einen Verleih und die traditionelle Werbung auskommt. Dabei bewegt sich Zahl der so verkauften Kinokarten in der Regel im 4 – 5-stelligen Bereich. Auch wenn unklar ist, ob und wenn, wie viel Geld zur Refinanzierung eines Films über den neuen Vertriebsweg tatsächlich eingenommen werden kann, dürfte sich doch zumindest die Zuschauerzahl erhöhen. Zudem könnten sich auch die neuen Zuschauer spendabel zeigen – immerhin weisen die einschlägigen Websites stets einen Spenden-Buttom auf. Zur Vorfinanzierung bietet sich daneben Crownfunding an. „Exodus“ haben die Produzenten allerdings ohne Fremdmittel finanziert. Schließlich wird der Film neben PPS auch ganz traditionell in einigen Arthouse- und Kommunalen Kinos zu sehen sein.

Free Culture

Retsina-Film ist nicht die einzige Gesellschaft, die sich des Internets bedient, um dessen Potential gegen „kurzsichtige Gesetzgeber“ und „rückwärtsgewandte Unterhaltungskonzerne“ zu nutzen. Stefan Kluge und Thomas Becholds zum Beispiel drehten 2004 die Road-Movie Doku "Route 66" und stellten sie unter Creative Commons als Download ins Netz. Der Film wurde innerhalb eines Jahres über eine Million Mal heruntergeladen und auf 600.000 DVDs verbreitet. Danach starteten die beiden das Open Source Film Netlabel Veb Film Leipzig. Kluge steht dem offiziellen Medienbetrieb inzwischen mehr als distanziert gegenüber, wie er in einem Interview mitteilte: „Ich hoffe, dass ich mich noch lange vom Fernseh-Zirkus fernhalten kann. Alle paar Jahre sehe ich mal bei Freunden einen TV-Sender laufen und es ist seit mindestens fünfzehn Jahren immer gleich: exakt dieselben dressierten Affen, die immer noch den selben Mist vorführen, wie damals. Angeblich wollen das die Leute sehen. Lächerlich - ich kenne kaum noch jemand unter 30, der einen Fernseher hat.“ Zugleich ist er sich sicher, dass die Distribution von „Route 66“ unter einer Creative Commons Lizenz dem Film „ein Vielfaches der Aufmerksamkeit beschert, als das bei einer Veröffentlichung unter Copyright der Fall gewesen wäre.“ Die Einnahmen waren letztlich höher als der Preis, den ein Verkauf an einen Sender gebracht hätte.

Ähnliche Initiativen gibt es auch in Finnland  oder Spanien. Wie auch bei anderen Filmprojekten ist der Erfolg freilich nicht garantiert. Eine Liste der Filme, die unter Creative Commons zur Verfügung stehen, finden Sie  hier

Für Eilige eine kurz gefasste Erklärung , was ohne Creative Commons nicht geht.

 

„Creative Commons“ ist auf dem Kulturpolitischen Bundeskongress Thema von Forum 10. Oliver Castendyk, Allianz Deutscher Produzenten-Film & Fernsehen e.V., und der Mediensoziologe Volker Grassmuck diskutieren dort unter der Moderation von Claudia Henne, HA Kultur rbb Rundfunk Berlin-Brandenburg über „Neue Bezahlmodelle und die Freiheit der Kunst“. Mehr

 


http://www.dime-eu.org/files/active/0/Cassarino-Richter-AB.pdf

 


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